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Mann sitzt FernseherWir sitzen beruflich und privat viel zu lang. Vor allem die Stunden vor dem Fernseher sind verhängnisvoll, wenn auch noch kalorienreiches Knabbergebäck dazukommt. Die negativen Folgen sind aber kein Schicksal.

Von klein auf üben wir uns in stun­den­lan­gem Sit­zen und er­lan­gen hier­in spä­tes­tens zum En­de der Schul­zeit wah­re Per­fek­ti­on. Oh­ne nen­nens­wer­te Un­ter­bre­chun­gen und jeg­li­che Form der kör­per­li­chen Ak­ti­vi­tät kön­nen wir den gan­zen Tag sit­zen: auf dem Weg zur Ar­beit im Au­to, Bus oder Zug, am Ar­beits­platz und dann am Abend zur „Er­ho­lung“von den Stra­pa­zen des All­tags auf dem So­fa.

Von klein auf üben wir uns in stundenlangem Sitzen und erlangen hierin spätestens zum Ende der Schulzeit wahre Perfektion. Ohne nennenswerte Unterbrechungen und jegliche Form der körperlichen Aktivität können wir den ganzen Tag sitzen: auf dem Weg zur Arbeit im Auto, Bus oder Zug, am Arbeitsplatz und dann am Abend zur „Erholung“von den Strapazen des Alltags auf dem Sofa.

Wer kurz in sich geht und seine Sitz-Stunden addiert, wird feststellen, dass nahezu jeder mehr als vier Stunden am Tag sitzend verbringt; beim Großteil der Bevölkerung sind es acht Stunden und mehr. Tatsächlich ist diese Qualifikation für viele Berufe eine Grundvoraussetzung – warum sonst hätten wir dies über so viele Jahre einstudiert?!

Nun mehren sich aber harte Fakten, dass langes Sitzen bzw. Bewegungsmangel nicht nur Übergewicht, hohen Blutdruck, Zuckerkrankheit und vieles mehr begünstigt. Es führt auch zur Zunahme der häufigsten Todesursachen wie Herzinfarkt, Krebs und Schlaganfall. Obwohl Bewegungsmangel für diese Erkrankungen ein genauso starker Risikofaktor ist wie das Rauchen, wird hierüber im Allgemeinen und auch beim Arztbesuch wenig gesprochen. Während Werte für Blutzucker, Blutfette und Blutdruck akribisch gemessen und ggf. medikamentös beeinflusst werden, wird die Leistungsfähigkeit des Einzelnen nur in Ausnahmefällen getestet – und das obwohl die Fitness einen größeren Einfluss auf die Anzahl gesunder Lebensjahre und auch die Lebenserwartung insgesamt hat als die zuvor genannten Faktoren.

Tatsächlich wäre ein jeder gut beraten zu wissen, wie es um seine körperliche Fitness insgesamt, aber auch im Vergleich zu Altersgenossen steht. Da man nur die Dinge ändert, die man auch misst, ist es an der Zeit, hier auch im Sinne der Vorsorge aktiv zu werden.

In einer rezenten, großen und repräsentativen Studie wurde aufgezeigt, dass langes Sitzen mit einer höheren Sterbewahrscheinlichkeit einhergeht. Besonders ungünstig schnitt dabei das Sitzen vor dem Fernseher ab. Die gute Nachricht der Studie ist, dass man sich vor dieser erhöhten Sterblichkeit nicht nur durch ein Meiden des vielen Sitzens schützen kann, sondern auch durch gute körperliche Fitness!

Die Autorengruppe hat die aktuelle Literatur durchforstet und in einem Kollektiv von über einer Million Frauen und Männern den Einfluss von Sitzen auf die Lebenserwartung untersucht. Verglichen wurde die Sterblichkeit von Personen, die weniger als vier Stunden bis hin zu mehr als acht Stunden am Tag sitzend verbrachten. Als „Sitzen“wurde nicht nur das Sitzen am Arbeitsplatz, sondern das Sitzen insgesamt gewertet, also auch das auf dem Weg zur Arbeit im Auto, Bus oder Zug, während der Arbeit und auch am Abend in geselliger Runde oder vor dem Fernseher.

Das Ergebnis zeigt klar, dass die Sterblichkeit mit der Anzahl der Stunden, die sitzend verbracht werden, kontinuierlich ansteigt. Dabei hatten fünf Sitz-Stunden vor dem Fernseher eine genauso hohe Sterblichkeit zur Folge wie acht Sitz-Stunden ohne Fernsehen. Im Vergleich zu einem weniger sitzenden Lebensstil war somit beides tödlicher, die Gefahr, die vor dem Fernseher lauerte, war jedoch höher.

Wenngleich die Autoren nicht nachweisen konnten, woran dies lag, so spekulierten sie, dass hierfür der Konsum von klassischer „Fernsehkost“in Form hochkalorischer Nahrung verantwortlich war – häufig zu fette Nahrung wie z. B. Chips und andere ungesunde, aber für den Fernsehabend prädestinierte Nahrungsmittel. Denn diese Form der Kost hat vor dem Fernseher ihren Stammplatz, am Arbeitsplatz hat sie meist nichts zu suchen.

Wenngleich viele Stunden des Sitzens für alle als gesundheitlich ungünstig einzustufen sind, so nahm dieser bedenkliche Effekt mit Umfang und Intensität der körperlichen Aktivität ab. Hatten Probanden, die nur fünf Minuten pro Tag körperlich aktiv waren, das höchste Sterblichkeitsrisiko, so nahm dieses Risiko bei denen, die täglich 25–35, 50–65 und 60–75 Minuten mit sportlicher Bewegung verbrachten, kontinuierlich ab. Tatsächlich bestand für diejenigen, die 60–75 Minuten pro Tag sportlich aktiv waren, kein erhöhtes Sterberisiko, selbst dann nicht, wenn sie mehr als acht Stunden am Tag sitzend verbrachten. Somit konnte durch körperliche Fitness nahezu dosisabhängig der nachteilige Effekt, der durch das Sitzen verursacht wurde, ausgeglichen werden. Ein ähnliches Bild zeigte sich für die Zeit vor dem Fernseher. Allerdings war es auch den Fitten nicht möglich, den negativen Effekt des Fernsehens bzw. des damit einhergehenden Essverhaltens völlig auszugleichen.

Josef Niebauer,
Vorstand des Universitätsinstituts für präventive und rehabilitative Sportmedizin der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) Salzburg;
Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (ÖGSMP).