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Den Abend des 9. Oktober 2013 werde ich wohl nie vergessen. Es kommt mir vor, als wäre es erst gestern gewesen, so haargenau kann ich mich an jede einzelne Minute dieses Abends erinnern.

Ich war wieder einmal im Krankenhaus Wels zur Infusionstherapie, was aber nichts Neues für mich war. Seit knapp vier Monaten stand ich auf der Liste für eine Doppellungentransplantation. Die Mukoviszidose hatte meine Lunge nach neunzehn Jahren so sehr zerstört, dass mittlerweile sogar der Weg auf die Toilette ein Ding der Unmöglichkeit war. Neben meinem Bett stand seit ein paar Wochen Rolli, mein neues Gefährt - der Rollstuhl. Mit ihm führte ich genauso eine Hassliebe wie mit dem Sauerstoffgerät. Ich hasste beide, war aber heilfroh, sie zu haben.

Meine Kraft war am Ende. Das wussten alle anderen genauso gut wie ich selbst. Wir alle hatten Angst, dass mir die Zeit davonlaufen würde. Ohne Schlaftabletten schaffte ich keine Nacht mehr. Ich ertrug dieses Pfeifen bei jedem einzelnen Atemzug nicht mehr und ich hatte solche Angst zu ersticken. Mich quälten hundert Fragen, vor allem aber: Ob ich denn, falls der Anruf rechtzeitig kommt, noch genug Kraft dafür habe, diese schwere Operation überhaupt zu überstehen? Und: falls ich es schaffe, wie lange würde denn dann wohl meine neue Lunge halten? Wie viele Jahre würde ich mit Luft verbringen dürfen? Dann läutete das Telefon. Der Koordinator vom AKH Wien: Es wäre eine Lunge für mich da. Von dieser Minute an ging alles ganz schnell, und schon saß ich mit Mama im Rettungsauto. Nachdem wir im AKH noch ein paar quälende Stunden der Ungewissheit verbracht hatten, öffnete sich dann doch die Tür und zwei Ärzte traten herein. Die Lunge passte! Ich bekam mein Operationskleidchen und verabschiedete mich von meinen Liebsten.

Am zehnten Oktober 2013 wurde mir mein neues Leben geschenkt. Nur eineinhalb Tage später erblickte mein neues Ich das Tageslicht und nach ein paar Wochen im Krankenhaus wurde ich entlassen. Der Anfang war hart, aber nicht so hart wie ich es mir vorgestellt hatte.
 
Nach nur drei Monaten mit der neuen Lunge, unbeschreiblichen Momenten der Freiheit und Dankbarkeit lernte ich meinen Freund Raphael kennen. Am Anfang unserer Beziehung war vieles für mich ungewohnt. Ich hatte sogar oft Angst. Vor allem, was neu war, hatte ich Angst, denn ich wusste nicht, was die neue Lunge schaffen würde und was nicht. Bisher hat sie aber alles geschafft. Ich war zum ersten Mal Skifahren und ich stand zum ersten Mal auf einem Berg. Im ersten Jahr brach ich oft in Tränen aus, Tränen der Überwältigung und Freude.
 
Diesen Sommer werde ich zum ersten Mal ohne Sauerstoffgerät im Flieger sitzen, Raphael und ich werden zusammenziehen und dann werden wir sehen, was das Leben noch so zu bieten hat. Denn egal, ob mit oder ohne Luft, solange wir leben sind wir unsterblich und werden jeden einzelnen Tag genießen – ganz gleich wie schwer es oft sein mag und was noch auf uns zukommt. Ich freue mich auf hoffentlich noch ganz, ganz viele Jahre voller Luft und Freude über die kleinsten, aber doch so wunderbaren Dinge dieses Lebens.
 
Melanie Sulzner