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„Ich bin sehr zufrieden mit meinem Herz“, sagt der 74-Jährige – und hält jedes Jahr einen Gedenktag für den unbekannten Spender.

Josef Bruckmoser Die SN sprachen mit dem früheren Bürgermeister von Hof, Alexander Salzmann, über sein Leben als Organempfänger.

Sie leben seit 15. Dezember 1995 mit einem fremden Herz. Wie geht es Ihnen nach beinahe 19 Jahren? Salzmann: In den ersten zwei Jahren musste ich jeden Monat nach Wien zur Kontrolle. Jetzt haben wir eine sehr gute Versorgung im Rehabilitationszentrum Großgmain. Dort bin ich jedes halbe Jahr, außer es tritt ein Infekt auf, weil die Immunabwehr geschwächt ist.

Wie viele Medikamente müssen Sie nehmen? Insgesamt 19 pro Tag, vier davon verhindern, dass das fremde Organ abgestoßen wird. Welche Phasen in diesen 19 Jahren waren ruhige, welche waren schwierige? Ich habe vom ersten Tag an, an dem ich nach der Operation wieder bei Bewusstsein war, gewusst, ich bin wieder ein Mensch. Nur ein einziges Mal, am Heiligen Abend wenige Tage nach der Operation, hatte ich einen psychischen Knacks. Da ist mir sehr stark der Gedanke durch der Kopf gegangen, ob ich nächstes Weihnachten noch erleben werde. Aber das war ein Tag und dann nie mehr. Haben Sie sich auch Gedanken gemacht, von wem das Herz sein könnte? Am Anfang hatte ich das Gefühl, dass das nicht mein Herz ist, sondern ein fremdes. Man denkt sich, was kann diesem Menschen passiert sein, warum habe ich dieses Herz bekommen? Ein einziges Mal, bei Gelegenheit, habe ich meinen Chirurgen gefragt, was er über den Menschen weiß, von dem ich das Herz bekommen habe. Der Arzt hat gesagt: Fragen Sie mich nicht, Sie können darüber nichts erfahren. Heute gibt es für mich keinen anderen Gedanken, als dass das mein Herz ist. Dieses Herz schlägt in meinem Körper und ist ein Teil von mir. Ich bin mit meinem Herz sehr zufrieden. Mir ist es vom ersten Tag an gut damit gegangen.

Ich halte aber – ich bin von Grund auf ein gläubiger Mensch – immer am 16. Dezember, dem Tag meiner Transplantation, einen Gedenktag. Ich denke in der Kirche an den Spender und stifte eine Messe für ihn. Das ist mir ein Anliegen egal, welcher Tag der 16. Dezember jeweils ist. Ich habe dabei ein gutes Gefühl. Ich kann ja sonst nichts für ihn tun oder für seine Hinterbliebenen. Ich kenne sie alle nicht. Wie geht es Ihnen mit körperlichen Anstrengungen? Was können Sie nicht tun? Wenn Grippezeit ist, dann meide ich größere Menschenansammlungen. Bei uns im Ort gibt es zu Silvester immer ein großes Fest auf dem Brunnenplatz. Da gehe ich nicht hin, weil man Hunderten Menschen die Hände schüttelt.

Aber körperliche Anstrengungen sind überhaupt kein Problem, ich gehe Ski fahren, ich fahre mit dem Fahrrad auf den Gaisberg. Im Ernst? . . . ich muss natürlich rasten, ich fahre nicht in einem durch. Aber ich bin im Dezember 1995 transplantiert worden und im August 1996 sind wir auf den Sonnblick gegangen. An einem Tag hinauf und wieder herunter. Sie leben nicht ständig in einer gewissen Angst um Ihr Herz? Nein, ich habe nie dieses Empfinden. Sie haben im Jahr nach der Transplantation Ihr Bürgermeisteramt zurückgelegt. Warum war das notwendig? Ich habe das Amt am 1. Juli 1996 zurückgelegt, weil ich gemerkt habe, dass ich das nicht schaffe. Nicht wegen der körperlichen, sondern wegen der psychischen Belastung. Ich habe alles, was in der Gemeinde geschehen ist oder was jemand gesagt hat, furchtbar persönlich genommen. Das hatte ich vor der Transplantation überhaupt nicht gekannt. Mein Arzt hat dann ganz klar gesagt: Wenn Sie es nicht machen müssen, dann hören Sie lieber auf.

Mit meinem Nachfolger hat alles gepasst. Der hatte mir schon als Vizebürgermeister nach der Transplantation viel geholfen. Ist Ihnen der Abschied als Bürgermeister schwergefallen? Ja, das war ein schwerer Abschied. Das war viel schwieriger als die Transplantation selbst (lacht). Ich war gern Bürgermeister, das muss ich sagen. Aber ich habe dann doch erkennen müssen, dass ich das auf Dauer nicht mehr ohne schweren Schaden für meine Gesundheit hätte machen können. Das hat auch die Bevölkerung sehr gut akzeptiert. Ich habe einen sehr schönen Abgang aus der Politik gehabt. Sie sind jetzt 74 Jahre. Das Herz ist vermutlich das jüngste Organ in Ihrem Körper? (lacht): Ich hoffe. Ich weiß es nicht, aber ich gehe schon davon aus. Was erwidern Sie, wenn jemand sagt: Ich bin ein guter Mensch, ich würde auch gern Organe spenden. Aber das ist mir zu gefährlich. Wer weiß, was die da mit mir machen? Wir diskutieren in unserer Selbsthilfegruppe oft über das Thema. Es wird ja auch in den Medien immer wieder aufgegriffen. Für mich selbst sehe ich den Hirntod so: Wenn ein Mensch, bei dem der Hirntod eingetreten ist, nicht an der Maschine hängen würde, dann würde binnen kurzer Zeit auch der Herztod eintreten.

Aber ich bin kein Wissenschafter und kein Mediziner. Wenn ein Wissenschafter sagt, dass man den Hirntod nicht genau festzustellen sei, dann kann ich dazu nichts Qualifiziertes sagen. Aber ich vertraue den Ärzten. Die Ärzte, die mich transplantiert haben, haben alles sehr, sehr gut und verantwortungsvoll gemacht. Daher habe ich das Vertrauen, dass sie auch auf der anderen Seite gut mit einem Menschen umgehen und sehr genau darauf achten, wie es um einen möglichen Organspender steht.

Ich bin dankbar für die vielen guten Jahre mit meinem Spenderherz.

Salzburger Nachrichten, 1. Dezember 2014



Kann man den Tod definieren?
Ist der Hirntod endgültig?

Was heißt das für potenzielle Organspender und für Patienten, die dringend auf ein Organ warten?

Alexander Salzmann(HLuTX Salzburg) und Prof. Ferdinand Mühlberger bei einer Diskussionsrunde der Salzburger Nachrichten.
Weiters mit dabei Walther Schaup (Ethiker) und Matthias Beck (Mediziner und Ethiker).

Am kommenden Mittwoch, 3. Dezember, 19.00 Uhr
Saal der Salzburger Nachrichten
Karlingerstraße 40 (Buslinie 10)
5021 Salzburg