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Es wird langsam Zeit, sagt der Patient


Die Proteste im AKH zeigen die Grundprobleme des Gesundheitswesens auf: überlastete Spitäler, überlastete Ärzte – und eine Politik, die zu spät reagiert.

THOMAS PRIOR  (Die Presse)

Man kann es sich so einfach machen wie Gesundheitsminister Alois Stöger und sagen: Die Proteste am Wiener AKH seien eine Sache zwischen Geschäftsführung und Ärzten. Da gehe es „um Arbeitszeitfragen, die dort zu klären sind“.

Man kann es sich so einfach machen wie Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner und jegliche Verantwortung für die Proteste von sich weisen: Gefordert sei das Rektorat der Uni Wien, aus dessen Budget die Ärzte bezahlt werden. Ja, eh, und woher kommt dieses Geld?

Man könnte als Regierungsvertreter aber auch das zugrunde liegende Problem erklären und zugeben, dass man noch keine Lösung dafür gefunden hat – oder zumindest nicht imstande ist, sie durchzusetzen. Die Wahrheit ist nämlich, dass das AKH unter einem Kompetenzwirrwarr leidet. Das Gesundheitsministerium, das Wissenschaftsministerium, die Stadtregierung, die Ärztekammer, das Rektorat der Medizin-Uni: Alle tragen – in unterschiedlichem Ausmaß – eine Mitverantwortung, die in schlechten Zeiten verlässlich abgegeben wird. An die anderen, versteht sich.

Andererseits nimmt man auch den Ärzten die Opferrolle nicht ganz ab, wenn sie – mit Slogans wie „Personalabbau heißt Medizinabbau“ – die Patienten für ihre Zwecke instrumentalisieren. (Wieso kommt einem da die Lehrergewerkschaft in den Sinn?) Dieses Mal geht es um Nachtdienste, die aus Kostengründen reduziert wurden. So ein Dienst ist auch eine schöne Zuverdienstmöglichkeit.

Als Patient muss man den Ärzten allerdings auch für die Proteste dankbar sein. Weil sie die Grundprobleme des Gesundheitswesens aufzeigen: überlastete Krankenhäuser, überlastete Ärzte und Spitalsärzte, die oftmals falsch eingesetzt werden. Der Beweis dafür kann jederzeit, insbesondere an den Wochenenden, besichtigt werden: Man muss nur eine Spitalsambulanz aufsuchen, am besten jene im AKH.

Wie es so weit kommen konnte? Die Schuldfrage ist nicht einfach zu beantworten. Viele Patienten wollen nicht bis Montag warten, bis der Hausarzt wieder aufsperrt, obwohl sie kein akutes gesundheitliches Problem haben. Viele können nicht bis Montag warten, weil sie einen Arbeitgeber haben, der nicht will, dass sie in der Dienstzeit zum Arzt gehen. Und viele – in der Regel Migranten – wissen einfach nicht, wohin sie sonst gehen sollen. Weil ihnen niemand das österreichische Gesundheitssystem erklärt hat.

Andere wiederum haben die Erfahrung gemacht, dass sie mit einer Sportverletzung ohnehin ins Krankenhaus überwiesen werden. Weil der Hausarzt zum Beispiel kein Röntgengerät hat. Beim nächsten Mal wählt der Patient eben gleich den direkten Weg in die Ambulanz.

Patienten, Arbeitgeber, niedergelassene Ärzte. Die Hauptverantwortung trägt dennoch die Politik – inklusive Krankenkassen. Beide haben dieser Entwicklung jahrzehntelang zugesehen, erste Reihe fußfrei, aber aus Stolz und finanziellem Kalkül nichts dagegen unternommen. Den Kassen war es sogar recht, wenn die Patienten aus den niedergelassenen Ordinationen in die Spitäler strömten. Dort lagen sie den Ländern auf der Tasche.

Die gute Nachricht lautet: Es gibt eine Gesundheitsreform, die mit Jänner begonnen hat und deren Herzstück ein neues Miteinander von Bund, Ländern und Kassen ist. Spitäler und Arztpraxen werden gemeinsamen geplant und finanziert. Das ist zumindest ein Anfang.

Teile der Ärztekammer verlangen nun die Wiedereinführung der Ambulanzgebühr, um die Spitalsärzte rasch zu entlasten. Alternativ kann man sich auch einen Selbstbehalt für Patienten vorstellen. Gerecht wäre das nicht: Warum soll der Patient, der ohnehin schon Sozialversicherung bezahlt, für ein Chaos büßen, das er nicht angerichtet hat?

Nein, das Problem kann nur über das Angebot gelöst werden: Es braucht mehr Kassenärzte. Mehr Ordinationen, die auch an den Wochenenden geöffnet haben. Und mehr Gruppenpraxen, die technisch entsprechend ausgerüstet sind.

Nicht, dass dieser Ansatz völlig neu wäre. Die Gesundheitspolitik, vom Minister abwärts, hat ihn sogar als wesentliches Reformziel festgeschrieben. Es wäre nur langsam an der Zeit, die Theorie in der Praxis umzusetzen. In der Arztpraxis.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2014)